Gastbeitrag von MATROSENHUNDE: Über Arbeit #1
Wir schreiben über alles, was wir in Schöneweide lieben. Über das kreative Leben, das sich überall Bahn bricht, über Randberliner Alltag und Tradition, über Zauber und Schönheit, die Coolness und Schrulligkeit – denn darüber liest man viel zu wenig.
schöneweide café, schöneweide cool, schöneweide hip, schöneweide essen gehen, schöneweide hingehen, schöneweide kunst, schöneweide kultur, schöneweide industriekultur, schöneweide architektur, schöneweide fotografie, schöneweide fotos, schöneweide kinder, schöneweide familie, schöneweide mode, schöneweide kreativ, schöneweide bücher, schöneweide galerie, schöneweide design, schöneweide blog
1872
post-template-default,single,single-post,postid-1872,single-format-standard,stockholm-core-1.1,wp-featherlight-captions,select-child-theme-ver-1.0.0,select-theme-ver-5.1.7,ajax_fade,page_not_loaded,wpb-js-composer js-comp-ver-6.0.2,vc_responsive

Gastbeitrag von MATROSENHUNDE: Über Arbeit #1

Schöneweide ist ein altes Arbeiterviertel, Fine Heininger die Zeichnerin von Matrosenhunde ist – wie ihr seit dem Interview wisst – hier aufgewachsen.

Nach Wiedervereinigung und Währungsunion konnten sich viele Betriebe nicht mehr halten und das Viertel war jahrelang von den Schließungen, Massenentlassungen und Privatisierungen geprägt. Heute wachsen am traditionsreichen Industriestandort neue Formen der digitalen und manuellen Arbeit.

Matrosenhunde denken an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über neue und alte Arbeit nach. Heute eröffnen wir die Reihe »Über Arbeit« mit Vorüberlegungen, Abwägungen und einer Lese-Empfehlung:

Themen, die MATROSENHUNDE bewegen

  • Arbeits-Orte
  • Arbeits-Rhythmen
  • Arbeits-Strukturen
  • Arbeit als Schaffensprozess
  • Arbeit und Lernen
  • Arbeitslosigkeit
  • Arbeit zum Broterwerb
  • Feierabend

 

Nachdenken unter der Dusche ist auch Arbeiten. Arbeitskonzepte, Arbeitsprinzipien, alles einmal neu und andersherum angehen, verwerfen, hervorkramen, für die Schublade arbeiten, aus koffern leben und sich aus Schubladen ernähren, kreatives Arbeiten ertragen, Psychologie für Kulturschaffende, horror vacui, sich alleine im Kreis drehen, gemeinsam und/oder an fremden Orten zu neuen/anderen/verblüffenden Ergebnissen kommen, Arbeiten spielen und dafür bezahlt werden, nicht ernstgenommen werden für seine Arbeit, noch einen Brotjob haben müssen, sagen »ich arbeite da und da, aber eigentlich mache ich das und das«, Arbeitsforschung, aussterbende Berufe, Umschulen, sich seine Arbeit ausdenken, Selbstausbeutung, schönes Arbeiten, Feldforschung, arbeiten um zu überleben.

Wir kommentieren nicht als Wissende, sondern als Suchende. Wir ziehen aus, um zu lernen. Die Suche soll nicht deprimieren, sie soll um die Ecke denken, bisweilen amüsieren, kleine Zwischenstopps der Orientierung.

 

Vorüberlegungen:

Wie sieht Arbeit aus?
Working man‘s death.

Die junge Mutter geht wieder arbeiten. Was hat sie zuvor gemacht? Nichts? Ist Arbeit nur das, was zum Broterwerb dient. Ich will mich nicht nur über mein Muttersein definieren, sagt die junge Mutter. Also auch: über einen Beruf. Eine Tätigkeit. Anerkennung außerhalb der vier Wände. Doch mit Bezahlung, denn sonst ist es keine Arbeit, sondern ein Ehrenamt. Charity. Ehefrauenprojekt. Eine kleine Spielerei.

Ein Minijob ist einer, der nicht der Existenzsicherung dient. Wird ein Job »hauptsächlich ausgeübt«, ist er nicht mehr mini. Wieviel ist hauptsächlich? Welches identitätsstiftende Merkmal geht über die Existenzsicherung hinaus? Was ist mit der gesellschaftlichen Anerkennung durch Arbeit?

Burnout und die Grenzen von Arbeit und Freizeit. Flexible Arbeitsplätze. Sich in jemandes Dienst stellen.
Mitglied einer Zunft sein. Ein Wappen tragen. Regeln befolgen. Ein Ehrenkodex. Hippokratischer Eid und Überstunden.

Downshifting: so nennt man das, wenn ein Akademiker eine Kneipe aufmacht oder einen Kinderspielzeugladen.

»Früher war ich fleißiger«, sagt M. »Wenn ich zur Arbeit gehe, muss ich lange nicht so fleißig sein wie zu der Zeit, als ich auf die Arbeit vorbereitet wurde.«

 

»Berufsmäßig wird eine Beschäftigung unter anderem dann ausgeübt, wenn sie nicht von sogenannter ›untergeordneter wirtschaftlicher Bedeutung‹ ist. Das heißt, sie darf nicht allein für die Sicherung des Lebensunterhalts bzw. -standards bestimmend sein. Unter anderem sind Personen, die beschäftigungslos und bei der Arbeitsagentur für eine mehr als kurzfristige Beschäftigung als Arbeitsuchende gemeldet sind, als berufsmäßig beschäftigt anzusehen. Sie sind unabhängig von der Dauer der Beschäftigung versicherungspflichtig, es sei denn, die Arbeitsentgeltgrenze von 450 Euro im Monat (anteilig je nach Dauer der Beschäftigung) wird nicht überschritten. Gelegentlich ausgeübte Beschäftigungen werden nicht berufsmäßig ausgeübt! Als gelegentlich ausgeübt gelten Beschäftigungen, die neben einer versicherungspflichtigen Beschäftigung, neben einem freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahr, neben dem Bezug von Vorruhestandsgeld oder neben dem Bezug einer Altersvollrente ausgeübt werden.«
Aus: http://www.minijob-zentrale.de/DE/0_Home/01_mj_im_gewerblichen_bereich/06_kurzfristiger_mj/node.html (Zugriff am: 8. Dezember 2016. 12:16)

 

  • Was ist Arbeit, was ist Hobby?
  • Ist Arbeit das, wofür ich bezahlt werde?
  • Muss Arbeit weh tun?
  • Hängt mein Wert als gesellschaftliches Individuum von meiner Arbeit ab und warum?
  • Wenn die Sekretärin zuhause Bilder malt, ist es dann nicht ernst gemeint? Macht ein Kunststudium jemanden zum Künstler?
  • Ist es unter Niveau, lange Zeit Brotjobs auszuführen?
  • Wer bestimmt, welche Arbeit meinem Wert angemessen ist? Oder warum heißt es, „sich unter Wert verkaufen“?
  • Zwingt mich meine Bildung, Karriere zu machen?
  • Was ist Karriere?
  • Was ist so gruselig an Hausfrauen?
  • Was wird als Alibi erledigt? Wer ist die Polizei?
  • Für wen wird gearbeitet?
  • Wann ist Feierabend?
  • Ist Schaffenskraft ein Segen oder ein Fluch?
  • Kann man so tun, als würde man arbeiten?
  • Welche Tricks braucht es?

 

 

 

Matrosenhunde sammeln Menschen mit schöner Arbeit:

  • Der Klavierstimmer, der aus klobigen Übekästen schönste Töne holt und behutsam ein Hertz höher zieht
  • Die Physiotherapeutin, die alles über das Viertel, seine Bewohner und Körper weiß
  • Der Lehrer des Rudervereins,
  • Der Rentner auf dem Balkon, der spät aufsteht, die ganze Zeitung liest und dabei den ganzen Philharmonie-Stream dazu hört
  • Die Radiomoderatorin
  • Der Feuerwehrmann
  • Die Teilzeit-Podologin/Teilzeit-Dichterin
  • Der Landkartenverkäufer
  • Die Fährfrau
  • Der Bademeister
  • Die Museums-Archivarin
  • Den Möbel-Restaurator
  • Die Hebamme

 

Lese-Empfehlung

»Der Dienst« von Angela Krauß, Suhrkamp 2016:

»Ich sehe in eine Flucht von Industrieschornsteinen und Kabelmasten hinein; sie stehen so dicht, das Netz aus Leitungen zwischen ihnen ist straff gespannt, an nebligen Tagen ist es kaum zu erkennen. Dann dehnt sich draußen eine riesige Fläche, ein immer blasser werdender Gestängewald bis ins Unendliche.
Wer weiß, wie lange ich schon hier bin?«
No Comments

Post a Comment